/userfiles/images/medizin_im_bild/bernhard-gottlieb.jpg Bernhard Gottlieb, 1885-1950

Namen wie Georg Carabelli und besonders Moriz Heider stehen für die Etablierung der wissenschaftlichen Zahnmedizin in Wien im 19. Jahrhundert. Letzterer konnte die Wiener Zahnmedizin auch international gut positionieren. Am 22. April 1890 wurde mit Julius Scheff als Leiter das erste zahnärztliche Universitäts-Institut in der Garnisongasse 8 eröffnet, ein Jahr später richtete Josef Metnitz sogar ein zweites Ambulatorium zur Abhaltung zahnärtzlicher Kurse in der Spitalgasse 9 ein.



Die legendäre Kiefersammlung des Dr. Gottlieb

Die Gallionsfigur der Wiener Zahnheilkunde des frühen 20. Jahrhunderts ist zweifellos Bernhard Gottlieb. Seine histopathogenetischen Konzepte bildeten die Grundlage zur modernen Parodontologie, als deren Vater er in die Geschichte der Zahnheilkunde eingegangen ist. Doch wie so viele seiner Kollegen dieser Zeit, sollte es auch Bernhard Gottlieb verwehrt bleiben, für seine wissenschaftlichen Errungenschaften in Österreich zu Lebzeiten gewürdigt zu werden. 

Berisch Gottlieb wurde am 14. Juli 1885 in Kuty in Galizien geboren. 1911 zum Doktor der gesamten Heilkunde an der Universität Wien promoviert, hatte sich Gottlieb schnell für das Fach Zahnheilkunde entschieden und begann in der Ordination des Wiener Zahnarztes Siegmund Herz zu arbeiten. Wissenschaftlich bildete er sich am Anatomischen Institut bei Julius Tandler weiter. Während des Ersten Weltkrieges stand er im Dienst der österreich-ungarischen Armee und leitete eine mobile Zahnambulanz. Im Zuge dieser Tätigkeit hatte Gottlieb eine umfangreiche Sammlung menschlicher Kiefer angelegt, die er im Laufe der Jahre histologisch ausarbeitete und die ihm und seinen Schülern später als  wichtige Basis seiner Untersuchungen  dienen sollte.

Ein Latoratorium von Weltruf

Nach dem Krieg eröffnete Gottlieb mit seinem Kollegen, dem Ungarn Balin Orban in der Türkenstraße 13 eine Ordination. Seine Leidenschaft galt allerdings der Wissenschaft. Im November 1920, Gottlieb hatte in diesem Jahr seinen Vornamen auf Bernhard geändert, reichte er mit neun Publikationen zu Themen wie Wurzelbehandlung und Zahnkaries sein Gesuch zur Habilitation im medizinischen Dekanat ein. Im Dezember 1921 wurde er zum Privatdozent an der zahnärztlichen Fakultät ernannt.

Ab 1923 leitete er das histologische Laboratorium des zahnärztlichen Institutes, das als „Schule Gottlieb“ oder „Wiener Schule“ innerhalb kurzer Zeit Weltruf erlangte. Finanziell wurde dieses Laboratorium zu Beginn von Gottlieb und einigen seiner Freunde selbst erhalten, in weiterer Folge fand man eine wirtschaftliche Lösung: Die von Gottlieb entwickelten Zahnpflegemittel wurden in der Österreichischen Heilmittelstelle produziert und ein Anteil vom Gewinn ging an das Labor. Später beteiligte sich auch das zahnärztliche Institut an den Kosten.

Im Dezember 1930 wurde Bernhard Gottlieb zum Universitätsprofessor berufen, er stand nun am Höhepunkt seiner Karriere: Professor Gottlieb und seine Schüler – genannt die Wiener Schule – brachten es mit ihren Forschungsergebnissen und Vorträgen auf internationalen Kongressen zu weltweiten Erfolgen.

Vertrieben in die Emigration

Der Rassenwahn der nationalsozialistischen Machthaber zwang Gottlieb sowie zahlreiche seiner jüdischen KollegInnen Österreich ab dem Jahr 1938 zu verlassen. Mit seinen histologischen Arbeiten im Handgepäck flüchtete er über das Schwarze Meer nach Palästina, wo er an der Universität von Tel Aviv hoffte, sein Forschungswerk fortsetzen zu können. Doch der Wiener Zahnmediziner fühlte sich nicht wohl in Palästina und entschied nach zwei Jahren mit seiner Frau und seinem Sohn in die Vereinigten Staaten auszuwandern. 1941 ließ er sich als Professor der Oral Pathology am Baylor College of Dentistry in Dallas/Texas nieder. Seine Bemühungen, in Dallas ein ähnlich erfolgreiches Forschungsprojekt aufzubauen, wie er es in Wien geschafft hatte, scheiterte nicht zuletzt an seinen persönlichen Schwierigkeiten, sich in der neuen Heimat zurecht zu finden.

Am 17. März 1950, im Alter von 65 Jahren starb Bernhard Gottlieb an den Folgen eines Schlaganfalls.

Seine Grundlagen zur Behandlung von Zahnbetterkrankungen, die auch heute noch in den Lehrbüchern zu finden sind, haben ihn als „Vater der modernen Parodontologie“ berühmt gemacht.

Literatur:
Erna Lesky, Die Wiener Medizinische Schule im 19. Jahrhundert, 1965
Leyla Djafari, Bernhard Gottlieb. Sein Leben – Sein Werk. Dipl. Arbeit, 2002