/userfiles/images/medizin_im_bild/leopold-anton-goelis.jpg Leopold Anton Gölis, 1764-1827

Während sich die medizinhistorische Literatur ausführlich mit der Gründung des Allgemeinen Krankenhauses 1784 auseinandersetzt, ist über die erste Kinderambulanz in Wien ist nicht allzu viel bekannt.

Bei der Errichtung des Allgemeinen Krankenhauses hatte man nämlich die ganz kleinen PatientInnen, die Kinder, ausgespart. Wohl wurde das Findelhaus gegründet, eine Institution, in der man die Neugeborenen lediger Mütter „auf Zeit“ versorgte, bis man für sie einen Pflegeplatz am Land gefunden hatte. Sehr bald sollte sich allerdings herausstellen, dass dieses Findelhaus eine Brutstätte von Krankheiten, insbesondere von Kinderkrankheiten, war. Überhaupt lag die Kindersterblichkeit in Wien erschreckend hoch: 40% der unter Einjährigen erlebten ihren zweiten Geburtstag nicht.

Unerschöpfliches Engagement für die Kleinsten

Joseph Johann Mastalier (1757-1793) hatte sich das 1769  in London gegründete „dispensary for sick children“ zum Vorbild genommen und im Jahr 1788 in der Wollzeile eine private Poliklinik für arme Kinder geschaffen. Es war dies das erste Kinder-Krankeninstitut Wiens. Unter der Leitung des aus der Steiermark stammenden Leopold Anton Gölis (1764-1827) erhielt die Kinder-Armenambulanz schließlich 1794 das Öffentlichkeitsrecht. "Vater Gölis", wie er in Wien genannt wurde, war ein engagierter Arzt im Dienst seiner kleinen PatientInnen. Unermüdlich mahnte er die Mütter, ihre Kinder selbst zu stillen, sie nicht mit engen Wickelbändern einzuschnüren und sie ausreichend an die frische Luft zu führen. Berichten zufolge wurden während seiner Amtszeit von 1794 bis 1827 an die 200.000 Kinder unentgeltlich behandelt. Bei dem großen täglichen Andrang blieb Gölis nicht viel Zeit für den Unterricht, dennoch verfasste er 1811 seineVorschläge zur Verbesserung der körperlichen Kinder-Erziehung in den ersten Lebens-Perioden.

Kinderheilkunde in Wien etabliert

Ab 1800 waren es zwei Krankheitsgebiete, die sich immer mehr in das Blickfeld der in der Kinderheilkunde tätigen Ärzte drängten: die 1826 als „Diphtérie“ benannte „häutige Bräune“ (Angina membranacea) und die kindlichen Gehirnerkrankungen. Auch Anton Gölis konnte aus seinen reichen klinischen Erfahrungen schöpfen und veröffentlichte 1815 und 1818  seine Praktischen Abhandlungen über die vorzüglicheren Krankheiten des kindlichen Alters.

Zweifelsohne ist Leopold Anton Gölis weitgehend für die fortschreitende Emanzipation der Kinderheilkunde zum eigenen Fach in Wien verantwortlich. Die Gründung des ersten Kinderspitals in Wien im Jahr 1837 sollte der engagierte Arzt allerdings nicht mehr erleben.